Ida Ismail
Wie entstand die Notwendigkeit, bei Wahlen Technologie einzusetzen?
Die Idee der elektronischen Stimmabgabe entstand in Albanien aus der Notwendigkeit, die Glaubwürdigkeit und Transparenz der Wahlen zu erhöhen, nachdem es mit der traditionellen Methode zahlreiche Probleme gab. Nach den Wahlen 2009 wurden Pilotprojekte zur elektronischen Stimmenauszählung gestartet. Im Jahr 2010 erklärte der ehemalige Premierminister Sali Berisha, dass es bei den nächsten Wahlen „keine Wahlurnen, keine Wahlkommissare und keine Stimmzettel mehr geben werde“ und versprach einen Übergang zur elektronischen Stimmabgabe. Sogar die Sozialistische Partei hatte, als sie vor 2013 in der Opposition war, die Einführung neuer Technologien zur Bedingung für Wahlen gemacht und eine elektronische Stimmenauszählung gefordert, um Anfechtungen zu vermeiden.
Der erste konkrete Versuch scheiterte: Das Pilotprojekt zur elektronischen Zählung (z. B. in der Region Fier) wurde 2013 nie umgesetzt, was zudem zu einem wirtschaftlichen Schaden von rund 4 Millionen Euro für ungenutzte Geräte führte, die die CEC mit einem spanischen Unternehmen vereinbart hatte.
Antrag auf elektronische Stimmabgabe, Vereinbarung vom 5. Juni 2020
In den Jahren 2016–2017 forderte die oppositionelle Demokratische Partei biometrische Identifizierung, elektronische Stimmabgabe und elektronische Stimmenauszählung bei den Wahlen 2017. Auch die Opposition führte einen 90-tägigen Protest („Zelte“ auf dem Boulevard) durch und forderte die Einführung der elektronischen Stimmabgabe. Da kein Konsens erzielt werden konnte, wurden die Wahlen im Juni 2017 erneut nach dem traditionellen Verfahren abgehalten. Die politische Krise und der Mandatsverlust im Jahr 2019 führten zur Gründung eines Politischen Rates für Wahlreform. Auch die DP-SP-Vereinbarung kam unter Vermittlung des internationalen Faktors zustande. Das Wahlgesetz wurde geändert, um den Einsatz von Technologie zu ermöglichen. Es sieht die elektronische Identifizierung von 100 % der Wähler und die Erprobung der elektronischen Stimmabgabe vor.
Parlamentswahlen 2021 (Pilotprojekt in Tirana)
Bei den Parlamentswahlen vom 25. April 2021 wurden erstmals elektronische Identifizierung, Stimmabgabe und Stimmenauszählung eingeführt. Die CEC führte in der Verwaltungseinheit Nr. 10 in Tirana ein Pilotprojekt zur elektronischen Stimmabgabe und Stimmenauszählung durch, das 32 Wahllokale mit rund 23,600 Wählern umfasste. Der Ablauf verlief normal und die Geräte funktionierten in allen 32 Zentren der Einheit 10. Ältere Menschen und Menschen mit Sehschwäche hatten Probleme mit der elektronischen Stimmabgabe, da keine unterstützenden Optionen (z. B. Audio oder vergrößerter Text) zur Verfügung standen.
Kommunalwahlen 2023
Bei den Kommunalwahlen am 14. Mai 2023 wurde die elektronische Stimmabgabe als Pilotprojekt in der Gemeinde Vora ausgeweitet und in der Einheit Nr. wiederholt. 10 in Tirana. Die CEC plante eine Ausweitung auf größere Gemeinden (wie Elbasan und Kamza). In 12 % der Wahllokale schlug die elektronische Identifizierung fehl, da es an geschultem Personal mangelte und die Geräte defekt waren; einiges davon landete im Müll. Premierminister Edi Rama erklärte damals, dass die Geräte von PEI Sicherheit garantierten und ihre Fehlfunktion unentschuldbar und nicht zu rechtfertigen sei. Die Ergebnisse wurden noch am Wahlabend veröffentlicht, also lange vor der manuellen Auszählung in anderen Gemeinden.
Die Kosten der elektronischen Stimmabgabe: Analyse und Zahlen
Bei den Wahlen 2021 gab die CEC etwa 125.8 Millionen Lek (ungefähr 1 Million Euro) für das Pilotprojekt zur elektronischen Stimmabgabe in Einheit Nr. aus. 10. Wenn man bedenkt, dass in dieser Einheit rund 10 Wähler elektronisch abgestimmt haben, betrugen die durchschnittlichen Kosten pro abgegebener Stimme über 100 €. Auch bei der Kommunalwahl 2023 blieben die Kosten hoch. Die CEC stellte für die elektronische Stimmabgabe in drei Gemeinden (Elbasan, Kamëz, Vorë) rund 17 Millionen Euro zur Verfügung. Teilt man diesen Betrag durch die Gesamtzahl der Wähler in diesen Gemeinden, ergibt sich eine durchschnittliche Kostenbelastung für eine elektronische Stimmabgabe von 125 Euro. Konkret hat die Gemeinde Vora rund 16 Wähler und mit dieser Finanzierung beliefen sich die Kosten pro Stimme in Vora auf rund 125 € (also insgesamt etwa 2 Millionen €). Im Vergleich dazu sind die Kosten in Ländern, in denen die elektronische Stimmabgabe etabliert ist, viel niedriger. Eine elektronische Stimmabgabe kostet in Estland zwischen 2 und 20 Euro.
Die Parlamentswahlen 2025, „salziger“ als die beiden vorherigen Wahlen
Aufgrund des fehlenden politischen Konsenses wurde bei den Wahlen vom 11. Mai 2025 die elektronische Stimmabgabe nur in zwei Gebieten eingesetzt, in Vora und im Wahlbezirk 10 von Tirana, wo rund 70 Wähler die Möglichkeit hatten, ihre Stimme abzugeben. Die Regierung stellte der Zentralen Wahlkommission für die Organisation der allgemeinen Parlamentswahlen am 34.3. Mai 11 ein Budget von 2025 Millionen Euro zur Verfügung. Die Ergebnisse der elektronischen Abstimmung in Vora und in Einheit 10 von Tirana wurden am Morgen des 12. Mai veröffentlicht, wie von der Demokratischen Partei gefordert.

Inzwischen ist die Regierung im März 2025 der Forderung der CEC nachgekommen und hat zusätzliche Mittel in Höhe von 9.3 Millionen Euro für die Kosten der Umsetzung des Diaspora-Wahlrechts bewilligt.
Internationale Beobachter für elektronische Abstimmungen
Im OSZE/BDIMR-Bericht zu den Wahlen 2025 heißt es, dass die elektronische Stimmabgabe im Allgemeinen ohne Hindernisse verlief, viele Wähler jedoch bei diesem Vorgang auf Schwierigkeiten stießen und einige Mitglieder der Wahlkommissionen nicht ausreichend geschult waren oder sich über ihre Rollen nicht im Klaren waren.
Inländische Beobachter: Probleme mit der Gerätebedienung
Beobachter der Helsinki Community und des Civic Resistance berichteten von technischen Problemen bei der Funktionsweise der Geräte zur elektronischen Wähleridentifizierung (EVO) bzw. davon, dass diese Geräte in einigen Fällen die Identität der Wähler nicht erkennen konnten. Dies habe laut Bericht zu einer erhöhten Wahlbeteiligung, zu Zuströmen in den frühen Morgenstunden oder zu einer Verlangsamung des Wahlprozesses geführt.
Probleme mit der Diaspora-Wahl
Bei den Parlamentswahlen am 11. Mai 2025 hatten Albaner in der Diaspora erstmals die Möglichkeit, per Briefwahl abzustimmen. Dies war ein historischer Schritt, die Beteiligung war jedoch sehr gering. Von den rund 1.2 Millionen wahlberechtigten Albanern im Ausland haben sich lediglich 201,795 als Wähler registriert. Die Hauptgründe waren komplexe Registrierungsanforderungen, kurze Fristen sowie mangelnde Informationen und Vertrauen in den Prozess. Nach Angaben der Wahlkommission wurden viele Umschläge mit Stimmzetteln nicht verteilt oder zurückgeschickt, was dem Staat finanzielle Verluste von rund zwei Millionen Euro bescherte.
Der Wahlexperte Kristaq Kume sagte, dass die Diaspora-Wahl ein Prozess gewesen sei, der hinsichtlich der Einhaltung der Standards des Wahlgesetzes und der CEC nicht die Erwartungen erfüllt habe. Kume sagte: „Es war das erste Mal, dass die Diaspora gewählt hat, und die auftretenden Probleme waren zu erwarten.“
Vorwürfe und Reaktionen
Die Demokratische Partei warf dem CEC-Chef Ilirjan Celibashi vor, die Hauptverantwortung für das Scheitern des 11-Millionen-Euro-Vertrags mit DHL zur Verteilung der Diaspora-Stimmen zu tragen.
Die Sprecherin für Korruptionsbekämpfung, Genta Vangjeli, erklärte, dass DHL trotz der Gesetzeswidrigkeit Vereinbarungen mit Subunternehmern zur Verteilung von Umschlägen mit Stimmzetteln in Griechenland getroffen habe. Als Beispiel nannte sie die Posten hochrangiger sozialistischer Funktionäre, die Einwanderer dazu aufforderten, ihre Stimmzettel an von der Zentralen Wahlkommission nicht autorisierten Poststellen abzugeben.
Der Wahlleiter Ilirjan Celibashi erklärte, dass es keine gefälschten oder manipulierten Stimmzettel gebe, fügte jedoch hinzu, dass die Behauptungen über die Stimmenverteilung durch das Postunternehmen DHL noch geprüft werden müssten.
Cyberangriffe während Wahlen
Das Einwanderungsregistrierungssystem, die offizielle CEC-Website und die Plattform, die die Wahlergebnisse in Echtzeit überträgt, wurden kontinuierlich von spezialisierten Hackern angegriffen. Celibashi betonte, dass sie keine Auswirkungen auf das System gehabt hätten und dass es sich um aus dem Ausland organisierte Cyberangriffe gehandelt habe, und verglich sie mit ähnlichen Angriffen in anderen Ländern wie Frankreich oder Estland.
Internationale Erfahrungen und Lehren aus Estland
Während Albanien seine ersten Schritte in Richtung elektronischer Stimmabgabe unternimmt, ist Estland eines der erfolgreichsten Modelle, von denen wir lernen können. Das estnische elektronische Wahlsystem (bekannt als „i-Voting“) ist eine Form der Fernabstimmung über das Internet, bei der die Bürger von zu Hause oder von jedem beliebigen Ort aus ihre Stimme abgeben können, indem sie sich mit ihrem elektronischen Personalausweis oder Mobiltelefon (Mobile-ID) identifizieren und die digitale Stimme unterzeichnen. Nach Abschluss der Wahl werden die elektronischen Stimmen unter der strengen Aufsicht einer speziellen Wahlkommission und internationaler Beobachter entschlüsselt und gezählt.